Auf die leisen Töne achten

Ein Gespräch mit Fredrik Vahle

Seit mehr als 45 Jahren gelingt es Fredrik Vahle, sich Gehör zu verschaffen – und das bei dem wohl ungeduldigsten Publikum, das man sich vorstellen kann. Sobald der 77-Jährige seine eigenen Kinderlieder darbietet, wird es still im Saal und mehrere hundert Kinder lauschen gebannt seinen Worten und Klängen. Vahle studierte Germanistik und Politologie und promovierte in Soziolinguistik. Seine Habilitation widmete er der Kindersprache und dem Kinderlied und er lehrt bis heute Sprachwissenschaften an der Universität Gießen. Im Interview erzählt er, wie es uns in dieser Zeit gelingen kann, einander aufmerksam zuzuhören, selbst wenn wir ungeduldig werden.

Marie Ortsiefer: Unendlich viele Diskussionen, Meinungen und Nachrichten – aktuell wird uns Vieles zu viel und zu laut. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie die Ohren voll haben?

Fredrik Vahle: Da habe ich einige Hör-Rituale. Ich gehe zum Beispiel morgens für mehrere Stunden in den Wald und höre einfach nur zu. Ich höre den Vögeln zu, ich höre den Luftgeräuschen zu, ich höre auch den Leuten zu, denen ich begegne. Da entstehen öfter Gespräche und es beginnen wieder andere Formen des Zuhörens. Aber es ist erstmal ein mehr oder weniger großes Zuhören, dem ich mich aussetze. Tagsüber höre ich dann auch mal zu, was die Zeitungen sagen, aber ich höre zum Beispiel ganz wenig Nachrichten und habe auch keinen Fernseher. Ich suche mir das, was ich höre, schon sehr genau aus. Ich glaube, das Wichtige ist, dass man dem, was man hört, und den Quellen, die man hört, auch vertrauen kann. Vertrauen ist da eine ganz wichtige Sache.

Marie Ortsiefer: Das heißt, wir sollten weniger Medien konsumieren und dafür häufiger in den Wald gehen?

Fredrik Vahle: Das ist kein Entweder-Oder. Ich würde sagen, man kann gut in den Wald gehen und über das nachdenken, was man da gehört hat. Nur wenn man in die Situation kommt, dass man sich mit Nachrichten vollstopft und keine Möglichkeiten hat, das zu verlangsamen, wird es schwierig. Ich denke schon, dass es wichtig ist, dass man sich bestimmte Nachrichten zuführt. Aber man sollte sich auch Zeit nehmen, darüber nachzudenken und das sozusagen ausdünsten zu lassen.

Marie Ortsiefer: Auf Ihrer jüngsten CD „Lilo Lausch liebt leise Lieder“ erzählen Sie die Geschichte von Klein Geiga, die schräg drauf ist und die Welt von Ihrem Fenster aus beobachtet. Das Lied „Komm raus aus deinem Schneckenhaus“ ermutigt uns, die Fühler in die Welt hinaus zu strecken. Sie singen auch von der alten Eule, die sich in ihrer Einsamkeit nach Besuch sehnt. Das sind Themen, die uns auch schon vor Corona beschäftigt haben, doch heute sind sie brisanter denn je. Was möchten Sie ihren Zuhörern mit diesen Liedern mit auf den Weg geben?

Fredrik Vahle: Ich glaube, Lieder betonen erstmal das elementar Menschliche und geben keine Verhaltensmaßregeln. Deswegen ist es ganz wichtig zum Beispiel zu sagen, dass sich die alte Eule nach Kontakt sehnt, dass Kontakt für sie lebenswichtig ist und dass fehlender Kontakt für sie etwas Krankmachendes ist. Das muss man sich auch erstmal bewusst machen. Fehlender Kontakt kann Krankheiten hervorrufen. Und das betrifft nicht nur die Vermeidung von Kontakt im Sinne von absoluter Sauberkeit und Keimfreiheit. Die Probleme, die im Umgang mit alten Leuten bestehen, waren vorher schon da. Wir haben selbst erlebt, wie alte Leute oft behandelt werden und was man da alles tun könnte und tun müsste. Durch die Maßnahmen ist das natürlich nochmal potenziert worden, so dass einige alte Leute auch wirklich gestorben sind, aufgrund der Maßnahmen, die eigentlich ihrer Gesunderhaltung dienen sollten.

Marie Ortsiefer: Wie können wir uns unterstützen, wenn dieser notwendige Kontakt fehlt?

Fredrik Vahle: Indem wir uns Zeit nehmen für die guten Dinge und indem wir uns fragen: „Welche Kontakte sind für mich wichtig?“ Ein gutes Gespräch ist oft mehr wert als die nächste Nachrichtensendung oder die nächste sensationelle Meldung aus der Zeitung. Ich lege sehr viel Wert auf das, was man „aufbauende Gespräche“ nennt. Die kann man sich geben wie ein kleines Geschenk. Aber ich erlebe viele Menschen, die so sehr in bestimmten Szenarien drinstecken, dass sie für solche kleinen Geschenke gar keine Zeit mehr haben.

Marie Ortsiefer: Wie kann uns ein aufbauendes Gespräch gelingen?

Fredrik Vahle: Indem wir uns erst einmal Zeit nehmen, uns auch über gute Entwicklungen informieren und indem wir uns von den negativen Meldungen nicht zu viel Angst machen lassen. Es kommt immer darauf an, dass wir sozusagen die Balance halten zwischen der Wahrnehmung dessen, was Angst macht, aber auch zwischen den Möglichkeiten, Angst zu überwinden und zu lösen und nicht aus Angst überstürzt, pedantisch oder orthodox zu handeln.

Marie Ortsiefer: Wie würden Sie mit Kindern, die plötzlich sozialer Distanz und dauerpräsenten Ängsten ausgesetzt sind, die Zeit gestalten?

Fredrik Vahle: Ich würde schauen, was sie spielen wollen und aus den Impulsen der Kinder dann vielleicht eigene Spiele kreieren. Schauen, was sie miteinander machen können und auch überlegen, wie sie mit anderen Kindern Kontakt aufnehmen können, zum Beispiel durch Rufen oder durch Musikinstrumente, durch Flöten und Ähnliches. Man muss ja nicht schweigen. Das mache ich ja jeden Tag, indem ich mich oben auf meinen Balkon stelle und ein kleines Balkon-Konzert gebe, das unten im Dorf gehört werden kann. Das ist ja auch eine Möglichkeit, diese fürchterliche Kontaktsperre zu überwinden. Da braucht man Fantasie.

Marie Ortsiefer: Sie singen „Lilo Lausch hat mir geholfen, fremde Worte zu verstehen und nun kann ich manche Dinge mit ganz anderen Augen sehen“. Im Moment fällt es uns besonders schwer, uns zu verständigen, obwohl wir die gleiche Sprache sprechen. Wie können wir offen füreinander bleiben und aufeinander eingehen, selbst wenn wir ganz unterschiedlicher Meinung sind?

Fredrik Vahle: Ich glaube, die Musik kann helfen, unterschiedliche Meinungen miteinander in Kontakt zu bringen. Zurzeit ist es so, dass sehr viel Öl ins Feuer gekippt wird durch unterschiedliche Meinungen. Ich sehe bei der Presse die Tendenz, bestimmte Unterschiede zwischen den Menschen besonders krass darzustellen. Das lesen die Leute halt ganz gerne und das Verbindende, das solidarische Handeln, das auch vorhanden ist, scheint vielleicht ein bisschen langweiliger, ein bisschen unscheinbarer und das kommt in den Medien etwas zu kurz. Musik ist eine ganz wunderbare Sache, um vermittelnd zwischen Menschen zu wirken, indem ganz elementare menschliche Dinge angesprochen werden. Ich denke mir, im Grunde genommen haben alle Menschen ein gewisses Harmoniebedürfnis. Sie möchten mit anderen in Harmonie leben können, nur wie das hergestellt werden kann, da gehen die Meinungen sehr auseinander. Immer dann, wenn wir uns zusammenfinden, um gemeinsam zu singen und miteinander zu reden, entsteht etwas Verbindendes, das die Kontroversen bei Diskussionen etwas einebnen könnte.

Marie Ortsiefer: Auf „Lilo Lausch läuft leise“ folgt jetzt „Lilo Lausch liebt leise Lieder“. Ist es Ihnen deshalb wichtig, das leise Element hervorzuheben?

Fredrik Vahle: Das ist schon fast ein bisschen doppelt gemoppelt, aber doppelt heißt in diesem Fall, dass es eine besonders wichtige Sache ist. Die lauten Töne, die lauten Parolen und das, was ganz dick in der Zeitung steht und was die Politiker ganz dick sagen und was auf den Demonstrationen ganz dick geschrieben wird, das springt uns immer entgegen. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass wir immer wieder auch auf die leisen Töne hören. Das können auch leisere Töne von Trauer, von Protest, von eigenen Lebensschwierigkeiten sein, aber auch Töne von Zufriedenheit oder von besonderen Erlebnissen, die wir gerade in dieser Zeit haben können. Da gibt es wirklich eine Menge zu erzählen. Ich glaube, die Musik als verbindendes Medium kann in dieser Weise neu entdeckt werden, indem gerade nicht das Laute, das Geschrei der Musik wichtig ist, sondern die leisen Töne. Und dass etwas auch mal dissonant sein und geschrien werden kann, ist auch ganz wichtig, damit sich niemand von der Musik oder von Parolen oder Ähnlichem einlullen lässt, sondern auch immer wieder dazu geführt wird, aufzuwachen. Musik kann Harmonie stiften, sie kann die Leute aber auch zum Aufwachen bringen!

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Fredrik Vahle, geboren 1942, ist Autor, Dozent und Professor für Sprache und Bewegung an der Uni Gießen und seit über vierzig Jahren einer der erfolgreichsten Kinderliedermacher im deutschsprachigen Raum. Der »Vater des neuen Kinderlieds« begeistert Kinder und Erwachsene gleichermaßen und wurde für seine Arbeit unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Vahle begleitet die Stiftung Zuhören mit ihrem bundesweiten Bildungsprogramm „Lilo Lausch“ seit Jahren und zeigt die Wunder von Tönen, Sprachen und kulturellen Einflüssen im Alltag. In seiner jüngsten CD „Lilo Lausch liebt leise Lieder“ widmet er sich dem Zuhören und Lauschen und zeigt die Wunder von Tönen, Sprachen und kulturellen Einflüssen im Alltag. Weitere Infos finden sich unter www.lilolausch.de.

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